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Lehman Brothers: Lesson Learned? | Die Kapitalmärkte im Fokus – Wochenüberblick (37/2018)

Die unspektakuläre 37. Börsenwoche ist zu Ende. Der Leitzins in Europa verbleibt nach wie vor bei 0,00 Prozent, Trump bleibt eine Gefahr für die Weltwirtschaft und wir erinnern uns an die Lehman Brothers Pleite, welche vor 10 Jahren die Welt erschütterte.

Hat die letzte Woche Klarheit über die Zukunft der Kapitalmärkte gebracht? Nein, aber zumindest konnten viele Fondsmanager und Finanzexperten über Ihre Lehman-Lektion berichten. Die Nagelprobe, ob daraus gelernt wurde, folgt mit der nächsten Krise.

Nach dem Kollaps des Finanzsystems vor zehn Jahren warnen Experten vor einer baldigen Wiederholung. Es stellt sich dabei vor allem die Frage, inwiefern die Finanzwelt und Wirtschaft aus den Geschehnissen in 2008 gelernt hat. Europäische Banken sind heute theoretisch sicherer, da sie durch zahlreiche regulatorische Maßnahmen ihre Kapitalquoten erhöht haben. Allerdings belasten weiterhin zahlreiche notleidende Kredite die Bilanzen der europäischen Kreditinstitute. Zudem erschweren das Niedrigzinsumfeld und vielfache politische Unsicherheiten im Euroraum Ihre Renditegenerierung.

Wie haben sich die Börsen in der vergangenen Woche entwickelt?

Die Indizes erlebten eine eher ruhige Woche, welche von Stabilisierung geprägt war. Der deutsche Leitindex DAX konnte die 12.000 Punkte-Marke wieder erreichen und schloss nach einem positiven Verlauf mit einer Steigung um 1% bei 12.121,90 Punkten. Der Wochenverlauf des EURO STOXX 50 ähnelte dem deutschen Leitindex und schloss mit positiven Gewinnen um 0,9 Prozent bei 3.336,24 Punkten.

Die amerikanischen Leitindizes verabschiedeten sich ebenfalls positiv in das Wochenende: der S&P 500 erholte sich von den starken Schwankungen zu Beginn der Woche und schloss positiv mit 0,6 Prozent bei 2.904,02 Punkten – ebenso der Dow Jones 30 Industrial Index, welcher mit einer positiven Steigerung um 0,6 Prozent bei 26.148,10 Punkten schloss. Lediglich der NASDAQ Composite Index durchlebte eine volatilere Woche, konnte jedoch gegen Ende der Woche ebenfalls mit positiven Werten bei 8.010,04 Punkten abschließen.

Der veröffentlichte Michigan-Konsumklima Index stellte dar, dass das Kaufverhalten der amerikanischen Verbraucher unerwartet stark um 4,6 Prozent angestiegen ist. Abgefragt werden regelmäßig die finanzielle und wirtschaftliche Lagebeurteilung, sowie die Erwartungen der Haushalte. Der Index ist insofern kritisch zu betrachten, da für die Darstellung des Kaufverhaltens amerikanischer Verbraucher lediglich eine Stichprobe von ca. 500 Haushalten betrachtet wird.

Ein Blick ging diese Woche erneut in Richtung Türkei: Die türkische Notenbank hat diese Woche eine Zinsanhebung um 6,25 Prozent auf 24 Prozent durchgeführt, woraufhin die türkische Währung Lira deutlich anstieg. Erdogan kritisierte diesen Schritt der Zentralbank, da er zuvor niedrige Zinsen gefordert hatte.

Welche Konjunkturdaten und Termine erwarten die Anleger in der kommenden Börsenwoche?

Die 37. Börsenwoche startet mit dem Empire State Manufacturing Index in den USA, woraufhin am Dienstag die Redbook Einzelhandelsumsätze folgen. Am Mittwoch erwarten die deutschen Anleger die Zahlen des Auftragsbestandes des verarbeitenden Gewerbes. Der Philadelphia-Fed-Index im Monat September wird am Donnerstag veröffentlicht. Das Wochenende wird am Freitag mit dem Einkaufsmanagerindex PMI für das verarbeitende Gewerbe und dem Dreifachen Verfallstag, dem sogenannten „Hexensabatt“ eingeleitet.





Die Türkei in der Krise – wo liegen die Probleme und welche Lösungsansätze bestehen? I Türkei-Kolumne (Teil 2) – Gastbeitrag von Markus Mitrovski

Der zweite Teil der Türkei-Kolumne wurde von unserem ersten Gastautoren Markus Mitrovski geschrieben. Markus ist Leiter Research und stellvertretender Leiter Portfoliomanagement und Handel bei der AMF Capital AG. Durch unterschiedliche Tätigkeiten in der Finanzbranche, bspw. als Portfoliomanager im Bereich der Unternehmens- und Mittelstandsanleihen, bereichert Markus Main Value mit geballter Expertise insbesondere in Bezug auf die Rentenmärkte.

Die Türkei in der Krise – wo liegen die Probleme und welche Lösungsansätze bestehen?

An den internationalen Kapitalmärkten geht mal wieder die Panik um. In den vergangenen Monaten wurde die Unruhe an den Märkten durch die Regierungsbildung in Italien oder dem immer weiter eskalierenden Konflikt zwischen den USA und China respektive Europa getrieben. Doch dieses Mal befindet sich der Brandherd in der Türkei. Die türkische Währung hat seit Jahresbeginn massiv abgewertet. Doch was sind die Ursachen dafür und wo liegt der Ausweg aus der Krise?

Wirklich neu sind die Probleme der Türkei nicht, denn das Land weist seit langer Zeit ein Handelsdefizit auf – die Türkei importiert mehr Waren als sie exportiert. Der Konsum der Türken ist also größer als die Produktion im eigenen Land. Im Jahr 2016 lag das Defizit noch bei 33,1 Mrd. USD und ist in 2017 auf 47,3 Mrd. UDS angewachsen. Folglich erhöhen sich die Schulden des Landes gegenüber dem Rest der Welt zunehmend. Gleichzeitig wurde das Wirtschafswachstum kreditfinanziert. Hier liegt ein Haushaltsdefizit vor, welches als Zwillingsdefizit bezeichnet wird.

In einer Zeit des Null-Zins-Zyklus stellt ein solcher Zustand erst mal keine direkte Bedrohung dar, denn Investoren sind auf der Suche nach Renditen und dafür bereit höhere Risiken in Kauf zu nehmen. Problematisch wird das Ganze erst dann, wenn das Zinsniveau sicherer Investments steigt und im Gegenzug risikoreiche Assets nicht mehr adäquat entlohnt werden. Dieses Szenario macht eine Umschichtung des Kapitals für Investoren attraktiv. Raus aus dem Risiko und rein in die sicheren Anlagen!

Schaut man sich den Realzins an, dann wird es besonders klar: Zu Beginn des Jahres wiesen 10-jährige Staatsanleihen, die auf Lira begeben wurden, eine Rendite von 11,4 Prozent auf. Dem gegenüber stand jedoch die Inflationsrate von knapp 12 Prozent. Folglich lag ein negativer Realzins vor und das in einem Land der politischen Instabilität.

Um etwas gegen die immer stärker steigende Inflationsrate – aktuell bei knapp 16 Prozent – zu unternehmen, müsste die Notenbank den Leitzins erhöhen. Jedoch liegt hier das nächste Problem vor, denn Erdogan bezeichnet Zinsen als „Mutter und Vater allen Übels“ und will die Wirtschaft unter allen Umständen am Laufen halten. Für eine unabhängige Notenbank ist es nicht von Belangen was der Präsident von Zinsen hält, denn ihre Aufgabe ist die Preisstabilität. In der Türkei gestaltet sich dies allerdings nicht so einfach, denn Erdogan hatte bereits vor seinem Wahlsieg angekündigt, einen stärkeren Einfluss auf die Geldpolitik der türkischen Notenbank nehmen zu wollen. Zu Zinserhöhungen ist es daher auch nicht gekommen und viele Investoren fragen sich, wie unabhängig die Zentralbank in der Türkei wirklich ist und wie weit die Inflation noch ansteigt. Aus diesem Grund ziehen Investoren zunehmend Kapital aus dem Land ab. In der Folge kommt es zu einer immer stärkeren Abwertung der Lira. Zeitgleich steigt die hohe Staatsverschuldung gegenüber dem Ausland weiter an und damit werden auch die Probleme des Landes vergrößert. Der Konflikt mit den USA war daher nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Doch was sind die Möglichkeiten der Türkei, um der Krise zu entkommen?

Ein sehr schmerzhafter Weg wäre, nichts gegen diesen Zustand zu unternehmen und die Währung ihren Boden finden zu lassen. Die Inflation würde weiter ansteigen, genauso wie die ausländischen Schulden. Es würde einen verstärkten Druck auf einheimische Unternehmen und Banken ausüben und damit die perfekte Bühne für eine Rezession bieten.

Eine Möglichkeit wäre, beim Internationalen Währungsfonds anzuklopfen. Der IWF ist bereits Argentinien zur Hilfe geeilt, um das Land zu stützen. Das Problem hierbei ist, dass diese Hilfe ihren Preis hätte. Erdogan würde bei seiner Entscheidungsfreiheit, folglich in seiner Macht, deutlich eingeschränkt werden. In mehreren Statements hat Erdogan bereits deutlich gemacht, dass er diesen Weg nicht gehen möchte.

Hilfe aus Europa würde sich ebenfalls anbieten, schließlich ist hier immer noch die Flüchtlingskrise in aller Munde und muss gelöst werden. Ein neuer Deal zwischen Europa und der Türkei wäre daher denkbar, jedoch würde Europa aus einer klaren Position der Stärke heraus verhandeln. Der Preis hier könnte in einer Freilassung von politischen Gefangenen sowie der Einhaltung von Menschenrechten liegen. Wäre das überhaupt im Sinne von Erdogan?

Ein sehr wichtiges Signal würde die türkische Notenbank mit einer Zinserhöhung setzen. Zwar würde dies das Wirtschafswachstum bremsen, doch wäre es ein klares Signal an den Märkte. Die Zentralbank tut das, was nötig ist, um gegen die Inflation vorzugehen und wahrt ihre Unabhängigkeit. Das Vertrauen der Investoren würde zum Teil wiederhergestellt werden und gleichzeitig wären Maßnahmen eingeleitet, um die Inflation einzudämmen. Für ausländische Kapitalgeber wären Investitionen in der Türkei dadurch auch wieder attraktiver.

Wie auch immer der Weg der Türkei aussehen wird – ein Umdenken von Erdogan wäre zwingend erforderlich, um das Land aus der Gefahr einer anbahnenden Staatspleite zu steuern.

Handelskrieg, DAX, Türkei, Fed, Jackson Hole | Die Kapitalmärkte im Fokus – Wochenüberblick (33/2018)

Aller „guten“ Dinge sind Drei…

Der deutsche Leitindex ist diese Woche erneut unter Druck geraten. Der DAX hat seine Talfahrt die dritte Woche in Folge fortgesetzt und ging mit -1,72% ins Wochenende [KW32: -1,52% & KW31: -1,92%]. Jetzt sollte es aber gut sein, oder?

Die Berichtssaison in Europa ist diese Woche weitestgehend beendet. Die geopolitischen Ereignisse machen den europäischen Märkten nach wie vor zu schaffen. Für Ungewissheit sorgen weiterhin geopolitische Risiken: der Handelsstreit zwischen den USA und China respektive Europa; der Türkei-Konflikt und die steigenden Zinsen bzw. der starke Dollar in den USA.

Aktuell sind wir doch ganz optimistisch, denn am 6. November stehen die Zwischenwahlen (Midterm Elections) in den USA an. Spätestens im Oktober müsste Trump Erfolge vorweisen.

The Biggest fear: die Kapitalmärkte treibt nach wie vor die Angst vor einem zerstörerischen Handelskrieg um, der mit einem „Tweet“ von Donald Trump eine Rezession auslösen könnte.

Doch es gibt auch gute Neuigkeiten: Am Montag, den 20. August, beginnt die Ausarbeitung des Handelsdeals zwischen dem US-Präsidenten Donald Trump und dem Präsidenten der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker. Auch China möchte eine Delegation nach Washington D.C. schicken, um den immer weiter eskalierenden Handelskonflikt zwischen Peking und Washington zu entschärfen.

Die jährliche Notenbanken-Konferenz in Jackson Hole steht kurz bevor. Am Donnerstag, den 23. August, kommt die Elite der Geldpolitik in der amerikanischen Provinz zusammen. Seit 1978 veranstaltet die Federal Reserve Bank of Kansas City jedes Jahr ein Symposium zu einem wichtigen wirtschaftlichen Thema, mit dem die Wirtschaft der USA und der Welt konfrontiert ist. Das diesjährige Thema lautet: “Changing Market Structure and Implications for Monetary Policy”. Für Aufmerksamkeit dürfte die Rede des Fed-Chefs Jerome Powell am Freitag sorgen, denn die Zinspolitik der USA stellt ein Risiko für die gesamten Schwellenländer dar. Diese würden durch die steigenden Zinsen in den USA und den festen US-Dollar stark belastet.

Nach der anfänglich guten Entwicklung diese Woche schloss der EURO STOXX 50, ähnlich wie der DAX, mit -1,56 Prozent bei 3.372,94 Punkten. Die amerikanischen Leitindizes verliefen positiver: der S&P 500 verabschiedete sich mit einer positiven Steigerung um +0,59 Prozent bei 2.850,13 Punkten in das Wochenende. In Japan gab es keine große Bewegung: der NIKKEI ging mit leichten Verlusten (-0,12 Prozent) in das Wochenende.

Werfen wir noch einen Blick Richtung Türkei: am Donnerstag sorgte der türkische Finanzminister Albayrak für positive Bewegungen auf den Märkten. In dem Telefonat schloss er Kapitalverkehrskontrollen aus, weshalb die Lira etwas an Wert zulegte. Die Rating-Agenturen Moody´s und S&P sind momentan allerdings sehr skeptisch gegenüber der Türkei. Aufgrund des starken Währungsverfalls in den letzten Monaten wurde die Bonität des Landes von Moody´s von Ba2 auf Ba3 herabgestuft, sowie von S&P von BB- auf B+. Durch die Herabstufung der Länderbonität steigen die Kosten für die Verschuldung noch mehr an. Laut der Rating-Agentur Fitch würden auf Dauer Finanzhilfen wie die aus Katar nicht weiterhelfen. Der Emir von Katar sprach dem türkischen Präsidenten Erdogan diese Woche Unterstützung in Form von 15 Milliarden Dollar Direktinvestitionen zu.

Eine ebenfalls nennenswerte Entwicklung diese Woche war das Fünfjahrestief der Bayer-Aktie. Diese hat seit der Übernahme von Monsanto kontinuierlich an Wert verloren. Innerhalb einer Woche hat der Kurs um 17,3 Prozent nachgelassen und notiert aktuell bei 79,26 Punkten. Monsanto wurde kürzlich zu einer Schadensersatzzahlung in Höhe von 289 Millionen Dollar an einen an Krebs erkrankten Mann verurteilt, da dieser aufgrund von Glyphosat erkrankte. Das Unternehmen kann mit weiteren 5000 Klagen rechnen, weshalb viele Investoren die Bayer-Aktie aus Ihren Depots gestrichen haben.

In der 34. Kalenderwoche erwarten uns folgende Konjunkturdaten: Am Montag werden in Deutschland die Erzeugerpreise vom Juli veröffentlicht. Am Dienstag folgt das Handelsbilanzsaldo für den Juli aus der Schweiz. Der Fokus der Woche liegt auf dem FED-Protokoll am Mittwoch. AM Donnerstag erwarten wir die aktuellen Zahlen zum Einkaufsmanagerindex Industrie aus Deutschland und dem europäischen Raum. Die Woche schließt mit der zweiten Veröffentlichung der BIP-Zahlen aus dem zweiten Quartal in Deutschland ab.





Die türkische Lira – eine tickende Zeitbombe? I Türkei-Kolumne (Teil 1)

Die türkische Lira und Ihr Verfall ist seit Tagen das Hauptthema in den Schlagzeilen – die Börsen haben aufgrund des Währungsverfalls stark gezittert.

Werfen wir einen detaillierten Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes: Auf den ersten Blick sehen wir eine robuste Entwicklung in der Türkei. Das Bruttoinlandsprodukt ist in 2016 um 3,18 Prozent und in 2017 sogar um 7,05 Prozent angestiegen. Für das Jahr 2018 wird ein Anstieg von 849,5 Milliarden US-Dollar auf 909,9 Milliarden US-Dollar prognostiziert (GTAI). Das Wirtschaftswachstum gemessen an der realen, prozentualen Veränderung des Bruttoinlandsproduktes befand sich in 2017 auf einem Höchststand, allerdings wird in den nächsten zwei Jahren ein geringeres Wirtschaftswachstum erwartet.

Von 2008 bis 2017 ist die Inflationsrate auf- und abgestiegen, wobei sie in 2017 von 7,78 Prozent einen Anstieg um ganze 3,36 Prozent auf 11,14 Prozent erlebt hat.

Ein großes Problem stellt die Verschuldung der türkischen Unternehmen in Euro und Dollar dar, denn mit der abgewerteten Lira stellt sich die Rückzahlung als ein kaum überwindbares Problem dar. Mit der fortschreitenden Währungsentwertung steigt die Schuldenlast der Unternehmen und bedroht somit das Überleben einer ganzen Wirtschaft.

Die Brutto-Außenverschuldung stieg in den letzten drei Jahren kontinuierlich an: von 408,2 Milliarden US-Dollar in 2016 auf 453,2 Milliarden US-Dollar in 2017. Die Devisenschulden betragen momentan ca. 250 Milliarden US-Dollar, von denen 180 Milliarden in den nächsten zwölf Monaten fällig sind. Dementsprechend stellt die hohe Verschuldung in ausländische Währungen ein Problem für das gesamte Finanz- und Wirtschaftssystem dar – insbesondere aber für engagierte europäische Banken.

Besonders die spanischen Banken sind im Falle einer Zahlungsunfähigkeit der Türkei aufgrund eines Kreditengagements in Höhe von 80,9 Milliarden Euro betroffen. Deutschland ist im Vergleich „lediglich“ mit 12,7 Milliarden Euro in der Türkei investiert.

Die Entwicklung der Lira wird nun seit mehreren Wochen nicht nur von den Finanzakteuren, sondern auch von dem türkischen Volk verfolgt.

Versuchen die 80 Millionen (Stand 2017) in der Türkei lebenden Menschen, die türkische Lira gegen die harten Währungen Euro und Dollar umzutauschen? Erdogan verlangt von seinem Volk, dass diese ihre harten Währungen gegen die türkische Lira umtauschen, damit eine weitere Abwertung der Lira verhindert wird. Der Wertverlust der Lira betrug innerhalb von sechs Monaten (Stand 17. August 2018) ca. 45,91 Prozent (USDTRY).

Bei der jüngsten Kabinettsumbildung im Juni hat Erdogan den Finanzminister Mehmet Simsek entlassen und seinen Schwiegersohn Berat Albayrak für diese Position platziert. Albayrak verkündete mitten in der Krise ein neues, nachhaltigeres Wirtschaftsmodell. Er konnte die Märkte allerdings aufgrund fehlender Konkretisierung nicht überzeugen. Das neue Modell beinhaltet die Unabhängigkeit der türkischen Zentralbank vom Staat und soll die Staatsausgaben reduzieren, sowie die Inflation bekämpfen. Albayrak wirft dem Westen vor, die Türkei bewusst zu schwächen: „Der Westen setzt Euro und Dollar als Waffen gegen die Türkei ein.“
Der Kurs der türkischen Lira erholte sich, nachdem die türkische Zentralbank den Kreditinstituten eine ausreichende Liquiditätsversorgung in Lira zugesagt hat. Dafür würden beispielsweise an Tagen mit hohem Finanzierungsbedarf mehrere Rückkaufaktionen von Seiten der Zentralbank durchgeführt. Zudem wies die Zentralbank darauf hin, dass zusätzlich zum US-Dollar auch Euro zur Lira-Absicherung genutzt werden könnte.

Was hat dazu geführt, dass sich die Türkei in Richtung einer Schulden- und Wirtschaftskrise bewegt? Sind die milliardenschweren Investition in die Infrastruktur in der Türkei, das niedrige Zinsumfeld und die starke Kreditvergabe Gründe für die Überhitzung der türkischen Wirtschaft?

Als Auslöser der Krise könnte der Streit zwischen den USA und der Türkei aufgrund der Festnahme des amerikanischen Pastors Andrew Brunson angenommen werden. Brunson sitzt seit Oktober 2016 wegen Spionage- und Terrorvorwürfen im türkischen Hausarrest und Trump dringt seither auf seine Freilassung. „Wir werden nichts für die Freilassung eines unschuldigen Mannes zahlen. Aber wir setzen bei der Türkei nach.“ so Trump auf Twitter. Aufgrund dieser Entwicklung entschied sich Trump Anfang August, Sanktionen gegen den türkischen Justiz- und den Innenminister zu verhängen. Zudem verdoppelte er die Höhe der Zölle auf türkische Stahl- und Aluminiumimporte, weshalb die Lira-Krise sich verschärfte. Erdogan rief daraufhin das türkische Volk auf, die harten Währungen in türkische Lira umzutauschen, amerikanische Elektrogeräte wie beispielsweise Apple zu boykottieren und er ließ zudem ebenfalls Zölle auf amerikanische Produkte erheben. Betroffen sind amerikanische Autos (120 Prozent), Alkoholika (140 Prozent), sowie Tabak (60 Prozent) und Kosmetika.

Die Entwicklung der „Türkei-Krise“ ist von weltweiter Relevanz und es bleibt abzuwarten, ob die Staatsherren Trump und Erdogan das Risiko friedlich beenden werden oder ob uns eine weitere Staatspleite wie in Griechenland bevorsteht.

 

Türkei: Droht die nächste Großbankenrettung in Europa? | Die Kapitalmärkte im Fokus – Wochenüberblick (32/2018)

Börsenfreunde sind weltweit über die Lage an den Finanzmärkten wenig erfreut. Seit Jahresanfang lassen sich die Märkte von zahlreichen politischen Ereignissen leiten. Ausnahmsweise spielte US-Präsident Donald Trump diese Woche nicht die führende Rolle – diese Rolle hat diese Woche der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan übernommen.

Am Donnerstagmorgen handelte die Lira gegen den USD bei 5,27 USD/TRY, bevor sie Freitagmorgen um kurz nach 8 Uhr auf 6,32 USD/TRY gefallen ist (-16,62%). Angesichts des abrupten Währungsverfalls rief Erdogan die Bevölkerung auf, gegen die „künstliche Finanzvolatilität“ zu kämpfen: Sie sollen ihre Euro, Dollar und Gold in Lira tauschen, so könne sich die Türkei gegen wirtschaftliche Angriffe verteidigen. Analysten von Goldman Sachs sehen die Lage sehr kritisch. Ihren Schätzungen nach könnte die türkische Lira innerhalb der nächsten Tage bei 7 USD/TRY notieren. Entschlossene Zinsschritte der türkischen Zentralbank sind unabwendbar, denn das türkische Bankensystem droht zusammenzubrechen. Der türkische Finanzminister und Schwiegersohn Erdogans, versprach die Unabhängigkeit der türkischen Zentralbank und beteuerte die große Bedeutung einer straffen Geld- und Fiskalpolitik und einer starken Haushaltsdisziplin im Land. Diese Zusicherungen kamen allerdings bisher nicht an den Kapitalmärkten an.

Inmitten der Krise an den Devisenmärkten hat Trump eine weitere Bombe platzen lassen und twitterte folgendes: „I have just authorized a doubling of Tariffs on Steel and Aluminium with respect to Turkey as their currency, the Turkish Lira, slides rapidly downward against our very strong Dollar! Aluminium will now be 20% and Steel 50%. Our relations with Turkey are not good at this time!”

Der türkische Außenminister versicherte anschließend, dass diese Missachtung der Regeln der Welthandelsorganisation noch Folgen haben werde. Initialzünder der ganzen Situation waren die Festnahmen mehrerer amerikanischer Staatsbürger in der Türkei– diese sollen der türkischen Regierung zufolge Verbindungen zu Fethullah Gülen gehabt haben. Daraufhin hat die USA Sanktion gegen den türkischen Innenminister Soylu und gegen den Justizminister Gül verhangen. Im Gegenzug hat Erdogan Sanktionen gegen US-Minister verhangen und das ganze politische Spiel hat die türkische Lira unter Druck gesetzt.

Die Entwicklungen in der Weltpolitik haben die Nervosität der Investoren deutlich verstärkt. Der Währungsverfall der türkischen Lira könnte Börsianern zufolge schwerwiegende Folgen für die Aktienmärkte haben. Diese Annahme wurde indirekt von der Europäischen Zentralbank bestätigt, da diese sich um Bankhäuser mit starkem Engagement in der Türkei sorgt und befürchtet, dass die Lira-Krise ein Systemrisiko darstellt.

Der deutsche Leitindex erlebte am Freitag eine starke Abwärtsbewegung und hat im Wochenüberblick mit minus 1,5 Prozent bei 12.415,10 Punkten geschlossen. Der Verlauf des EURO STOXX 50 wurde ebenfalls stark von den Nachrichten aus der Türkei beeinflusst: Nach der anfänglich guten Entwicklung diese Woche schloss er mit minus 2,2 Prozent bei 3.416,63 Punkten. Die amerikanischen Leitindizes indes verliefen etwas positiver: der S&P 500 verabschiedete sich mit einer positiven Steigerung um 1,2 Prozent bei 2.834,18 Punkten in das Wochenende. Auch der Nasdaq folgte dieser Entwicklung und schloss mit einer Steigerung um 2,3 Prozent bei 7.839,11 Prozent. Der Dow Jones allerdings erlebte am Freitag eine Abwärtsbewegung und schloss leicht negativ mit minus 0,3 Prozent bei 25.324,10 Punkten.

Eine weitere Nachricht hat am Dienstagabend für Aufruhr gesorgt: „Am considering taking Tesla private at $420.“ Elon Musk hatte nach den kritischen Nachfragen der Wall-Street-Investoren keine Lust mehr auf die Öffentlichkeit und zog einen Rückzug Teslas von den Aktienmärkten in Betracht.  Die Märkte kritisieren Musks Überlegungen – ohne die Investoren wäre Tesla nicht überlebensfähig, da diese bisher zahlreiche Verluste des Unternehmens finanziert haben. Nach der Ankündigung Musks stieg der Tesla-Kurs stark an und machte ihn um einige Milliarde Dollar reicher. Die Märkte fragen sich nun, ob hier nicht eine Pflichtmitteilung an die Aktionäre notwendig gewesen wäre – einige Aktionäre könnten gegen Tesla klagen und das könnte wiederum einen juristischen Kampf entfachen. Sind Elon Musks Tweets reine Marketing-Instrumente oder was führt dieser Mann im Schilde?

In der folgende Börsenwoche erwarten uns folgende Termine: Neben den vielen Quartalszahlen der Unternehmen werden am Dienstag die Konjunkturerwartungen im ZEW-Index August veröffentlicht. Am Mittwoch werden in den USA die Zahlen der Industrieproduktion bekannt gegeben, erwartet wird ein Plus von 0,3 Prozent. Das Ende der Woche wird mit dem Verbraucherpreisindex in der Eurozone abgeschlossen.

 

 

Emerging Markets oder Emerging Krise? Droht der nächste Crash an den globalen Märkten?

Schwellenländer bieten viel Wachstumspotenzial für Investoren – so zumindest galt es bisher an den Märkten.

Nach den Prognosen bekannter Experten, wie beispielsweise Mark Mobius und Paul Krugman, wurde milliardenschwer in die sogenannten Emerging Markets investiert, da diese einen vielfachen Gewinn versprachen.

Doch mit den ersten sichtbaren Krisen droht ein gegenteiliges Szenario für Investoren: beginnend mit den regelmäßigen politischen Problemen und der hohen Inflationsrate von beinahe 11 Prozent in der Türkei könnte ein Kaskadeneffekt in weiteren Schwellenländern ausgelöst werden. Die Experten vergleichen die Situation in der Türkei, Argentinien oder Brasilien mit der Krise von 1997/ 98, als die heimischen Währungen immer mehr an Wert verloren haben, die Schulden der Unternehmen deutlich anstiegen und die Wirtschaft zu wünschen übrig ließ. Die Türkei und Argentinien weisen beispielsweise sowohl hohe Schulden in US-Dollar, als auch politische Probleme auf.

Besonders hoch ist die Verschuldung der Unternehmen in US-Dollar – laut Reuters betragen diese ca. 3,7 Billionen US-Dollar, davon 530 Milliarden Dollar durch chinesische Unternehmen, 200 Milliarden Dollar durch die Türkei und 150 Milliarden Dollar durch Argentinien. Die steigenden Treasury-Renditen, der Abfluss von Investitionsgeldern aus den Schwellenländern und vor allem der immer stärkere Dollar intensivieren die obig genannten Probleme deutlich.

Mit stärkerem Dollar werden die Schwellenländer zudem Schwierigkeiten haben, die US-Dollar Schulden zurückzuzahlen, denn die Schulden müssen mit US-Dollar beglichen werden, welches nun deutlich teurer ist.

Autorin und Image: Demi Çelik, EVE Cartoons